Freigeld unterwegs
Ein „antideutscher“ verbaler Schlägertrupp schmähte hier kürzlich den Schwundgeld-Pionier Silivio Gesell. Das bedeutet für den Diskurs zwar nichts weiter, erinnerte mich aber an meine erste Begegnung mit den fleißigen Geldreformern. 1994 war ich ehrenamtliches Redaktionsmitglied der Monatszeitschrift "Rundes Blatt", die besonders Bürgerbewegte, Alternative und Grüne in Sachsen-Anhalt erreichen wollte. In Magdeburg stand die erste rot-grüne Minderheitsregierung vor der Tür, westdeutsche Realos missionierten heftig dafür, ließen in Parteibüros und Vereinsvorständen „nichts anbrennen“. Und noch eine Propagandawelle schwappte über den deindustrialisierten Landstrich. Eine kleine, aber gut organisierte Gruppe von "Gesellianern" rollte Mitgliederversammlungen auf, schwatzte Biobauern, Gastwirten und PC-Dienstleistern ihr „Holzgeld“ auf. Uns in der Redaktion nervten beide „Missionsbewegungen“. Doch während Kritik am Regierungswillen der „Chlorchemie-Realos“ zuverlässig von der eigenen „Schere im Kopf“ eliminiert wurde, fand die Auseinandersetzung mit den „Gesellianern“ durchaus statt, sogar relativ gut sortiert.

Im „Runden Blatt“ 3/94 erschien der Artikel „Patentrezepte: Eine Illusion?“ von M. R., der trotz des argumentativ klingenden Titels die pure „Freigeld“-Propaganda über mehrere Seiten auswalzte. Im nächsten Heft 4/94 dann die Entgegnung unter meinem Namen: „Patent oder Fehlkonstruktion?“. Unsere Kritik beschränkte sich auf einen zentralen Punkt, die hohe Umlaufgeschwindigkeit des „Schwundgelds“. Zahlungsempfänger seien durch den "Schwund“ des Geldes gezwungen, es rasch wieder auszugeben und dadurch die Wirtschaft anzukurbeln. (Die Selbstentwertung wird z. B. dadurch erreicht, dass die Geldbesitzer gezwungen werden, immer wieder Wertmarken zu kaufen und auf die Rückseiten der Geldscheine zu kleben.) Die Folge sollte ein "immerwährendes Weihnachtsgeschäft" sein, wie Gesell es selbst formulierte. Eine Dauerkonjunktur mit entsprechendem Ressourcenverbrauch würde die Arbeitslosigkeit abbauen und Kapitalanhäufungen unattraktiv machen. Der Zins tendiere dann gegen Null. Das Geld sei nur noch Tauschmittel, keine Wertkonserve mehr. Um eine Flucht in Sachwerte und Grundbesitz zu vermeiden, proklamiert Gesell das "Freiland", eigentlich eine Bodenverstaatlichung bzw. Kommunalisierung mit Nutzungsrechtevergabe, z. B. in Erbpacht.
Doch Menschen brauchen Wertkonserven, zur Altersvorsorge, um für Notfälle vorzusorgen oder einfach, um unnötige wirtschaftliche Aktivitäten zu vermeiden. Die Gesellschen Wirtschaftssubjekte müssen ihre Ware-Geld-Kreisläufe andauernd aufrechterhalten und ausweiten, um ihre Existenzgrundlage nicht zu verlieren - im Grunde keine Alternative zu heutigen Schuldenorgien und Sparexzessen. In Heft 5/94 des "Runden Blattes" kamen noch einmal die Gesellianer zu Wort, dann nie wieder. Bei den Grünen wurden Freigeld-Sympathisanten gemobbt und zum Austritt getrieben. Die olivgrünen Realos betonierten das „Magdeburger Modell“ in die fruchtbare Bördelandschaft und das „Runde Blatt“ wurde zur stromlinienförmigen Parteizeitung, später ganz plattgemacht. Ich wollte weiter mit den Gesellfans argumentieren und war gegen die schweigende Ausgrenzung. Doch den neuen Artikel bekam ich kommentarlos zurück, das Tischtuch war zerschnitten, grüne Minister und Staatssekretäre wollten ungestört „durchregieren“. Der „Urstromtaler“ etablierte sich auch ohne die „kleinen Joschkas“ an Elbe, Saale und Unstrut. Wernigerode und Halle-Dölau messen sich mit Wörgl und Schanenkirchen. Neunzig Jahre folgt nun schon Versuch um Versuch, alternative Geldkreisläufe zu etablieren - das kann doch kein Zufall sein? Die multiple Finanz- und Wirtschaftskrise begünstigt zur Zeit wieder einmal die Tauschringe und Lokalwährungen. Voriges Jahr erst habe ich im Harzkreis frische Erdbeertorte aus freien einheimischen Früchten für „Urstromtaler“ kaufen können und es hat einmalig geschmeckt.

Im „Runden Blatt“ 3/94 erschien der Artikel „Patentrezepte: Eine Illusion?“ von M. R., der trotz des argumentativ klingenden Titels die pure „Freigeld“-Propaganda über mehrere Seiten auswalzte. Im nächsten Heft 4/94 dann die Entgegnung unter meinem Namen: „Patent oder Fehlkonstruktion?“. Unsere Kritik beschränkte sich auf einen zentralen Punkt, die hohe Umlaufgeschwindigkeit des „Schwundgelds“. Zahlungsempfänger seien durch den "Schwund“ des Geldes gezwungen, es rasch wieder auszugeben und dadurch die Wirtschaft anzukurbeln. (Die Selbstentwertung wird z. B. dadurch erreicht, dass die Geldbesitzer gezwungen werden, immer wieder Wertmarken zu kaufen und auf die Rückseiten der Geldscheine zu kleben.) Die Folge sollte ein "immerwährendes Weihnachtsgeschäft" sein, wie Gesell es selbst formulierte. Eine Dauerkonjunktur mit entsprechendem Ressourcenverbrauch würde die Arbeitslosigkeit abbauen und Kapitalanhäufungen unattraktiv machen. Der Zins tendiere dann gegen Null. Das Geld sei nur noch Tauschmittel, keine Wertkonserve mehr. Um eine Flucht in Sachwerte und Grundbesitz zu vermeiden, proklamiert Gesell das "Freiland", eigentlich eine Bodenverstaatlichung bzw. Kommunalisierung mit Nutzungsrechtevergabe, z. B. in Erbpacht.
Doch Menschen brauchen Wertkonserven, zur Altersvorsorge, um für Notfälle vorzusorgen oder einfach, um unnötige wirtschaftliche Aktivitäten zu vermeiden. Die Gesellschen Wirtschaftssubjekte müssen ihre Ware-Geld-Kreisläufe andauernd aufrechterhalten und ausweiten, um ihre Existenzgrundlage nicht zu verlieren - im Grunde keine Alternative zu heutigen Schuldenorgien und Sparexzessen. In Heft 5/94 des "Runden Blattes" kamen noch einmal die Gesellianer zu Wort, dann nie wieder. Bei den Grünen wurden Freigeld-Sympathisanten gemobbt und zum Austritt getrieben. Die olivgrünen Realos betonierten das „Magdeburger Modell“ in die fruchtbare Bördelandschaft und das „Runde Blatt“ wurde zur stromlinienförmigen Parteizeitung, später ganz plattgemacht. Ich wollte weiter mit den Gesellfans argumentieren und war gegen die schweigende Ausgrenzung. Doch den neuen Artikel bekam ich kommentarlos zurück, das Tischtuch war zerschnitten, grüne Minister und Staatssekretäre wollten ungestört „durchregieren“. Der „Urstromtaler“ etablierte sich auch ohne die „kleinen Joschkas“ an Elbe, Saale und Unstrut. Wernigerode und Halle-Dölau messen sich mit Wörgl und Schanenkirchen. Neunzig Jahre folgt nun schon Versuch um Versuch, alternative Geldkreisläufe zu etablieren - das kann doch kein Zufall sein? Die multiple Finanz- und Wirtschaftskrise begünstigt zur Zeit wieder einmal die Tauschringe und Lokalwährungen. Voriges Jahr erst habe ich im Harzkreis frische Erdbeertorte aus freien einheimischen Früchten für „Urstromtaler“ kaufen können und es hat einmalig geschmeckt.
stulli - 27. Mai, 22:02
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