Samstag, 19. Mai 2012

Unsere Scheibe

Wir haben so eine Scheibe, dass sich die Welt seit 3600 Jahren eine Scheibe davon abschneiden kann, meint die Sachsen-Anhaltinische Fremdenverkehrs-Werbung.

Foto01

Unser Himmelfahrts-Ausflug startet mit dem Minibus von Wangen zum Fundort der sog. "Himmelsscheibe von Nebra" auf dem Mittelberg. Vor ein paar Jahren war auf der Bergspitze noch Fichtenwald und es gab beeindruckende Hünengräber. Inzwischen ist das Areal abgeholzt und von angesätem Rasen bedeckt, Typ ungepflegter Bolzplatz. Die Hünengräber hat die Denkmalbehörde abgeräumt und durch numerierte Betonscheiben ersetzt.

Foto02

Raubgräber hatten 1999 mit einer Spitzhacke ein Hünengrab durchwühlt, dabei die rätselhafte Scheibe gefunden und auch gleich beschädigt. Heute prangt an der Fundstelle ein Loch, in das eine gewölbte Edelstahl-Scheibe eingelassen wurde, wie sinnreich.

Foto03

Der Aussichtsturm ist wirklich schief und innen quietschgelb angestrichen. Von oben hat man an klaren Tagen eine tolle Fernsicht, heute ist gerade mal der Kyffhäuser zu sehen. Und die Beschriftung will den Brocken im Süden verorten, die blanke Irreführung.

Foto04

Das "Himmelsscheiben-Erlebniscenter" sieht von weitem wie ein illegal entsorgter Röhrenfernseher aus.

Foto05

Auf dem Rückweg suchen wir eine Abkürzung, geraten auf übel zerfahrene, steile und mit Holzresten bedeckte Waldwege, vergleichen die Strecke mit einem militärischen Gepäckmarsch. Auch Wegweiser scheinen hier noch nicht erfunden worden zu sein. Wir müssen nach Süden, Richtung Unstrut; und die Sonne müsste jetzt im Süden stehen. Doch es ist keine Sonne zu sehen. Ehemalige Mot.-Schützen der ehemaligen NVA der noch viel ehemaligeren DDR wissen immer, wo die Sonne steht, auch wenn sie diese nicht sehen. Dort ist die Sonne und wir marschieren ihr entgegen - aber nicht querfeldein, denn dies ist ein Landschafts-Schutzgebiet, auch wenn es nicht so aussieht. Über einem Hügel mit goldgelbem Rapsfeld kommt der noch viel güldener angepinselte Betonklotz des "Erlebniscenters" in Sicht, wir sind auf dem richtigen Weg. Was sonst, schließlich haben wir eine Scheibe.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Holzverarbeitende Industrie

Gerade bin ich Zeitungs-Abonnent, was aber nicht an der Zeitung liegt, sondern an ihrem mutigen Lockangebot. Man nimmt drei Monate eine Mainstream-Zeitung auf rosa Papier ab und bekommt dafür ein Android-Pad ohne Aufpreis dazu. Bei den anderen Organen der holzverarbeitenden Industie gibt es Rollkoffer, Kochtöpfe, Fake-Uhren oder Schlagbohrmaschinen als Abo-Prämien. Aber nie eines dieser pösen-pösen Pads, die die Abonnenten nur auf digitale Abwege führen und nicht in den allein seeligmachenden Holzschliff-Himmel. Für letzteren bin ich wohl schon verloren, auch die Zeitung auf dem rosa Papier finde ich eher ärgerlich. Was die nur gegen unseren verehrten Bundespräsidenten haben? Und das Geprassel der Agenturmeldungen ist schon am Vortag in den Fernseh-Nachrichten gelaufen. Nur einige vertiefende Artikel über China und Russland sind gut, die müsste ich wohl später online zukaufen. Ansonsten hängt das Pad schon am heimischen WLAN, die Anti-Viren-Software ist installiert, der Kündigungstermin für den Holzschliff ist im Kalender markiert - und der "Freitag" sieht doch gleich recht gut auf dem Pad aus.

freitag

Donnerstag, 24. März 2011

Ein Nützling erzählt

Intensiv-Landwirtschaft und Industrialisierung haben zu einem weitgehenden Verschwinden der Ackerbegleitflora geführt, auf modernen Äckern sind kaum noch Wildkräuter/Unkräuter zu finden. Eine dieser fast schon ausgestorbenen Arten ist jetzt zurückgekehrt und breitet sich wieder rasant auf mittelostdeutschen Äckern aus. Die Roggentrespe (Bromus secalinus) ist eine Grasart und ein alter Begleiter des Roggens. Seit der Steinzeit hat sie ihr Fortpflanzungsverhalten an den Roggen angepasst, u. a. durch Wegfall des Keimverzugs und größere Körner in festeren Ährchenspindeln, die erst beim Dreschen zerfallen. Die Samen von Roggen und Roggentrespe vermischten sich so und wurden im nächsten Jahr zusammen wieder ausgesät. Schon im Neolithikum gab es Formen der Saatgutreinigung, doch die Roggentrespe wurde bewusst geduldet, teilweise sogar gezielt mit ausgesät. Als Ausfall-Versicherung konnte sie immer noch geerntet und gegessen werden, wenn der Roggen durch Witterungsunbilden oder Gewalteinwirkung nicht reif wurde. Trespenkörner und -mehle finden sich in den Mägen vieler beliebter Moorleichen. Mittelalterliche bis frühneuzeitliche Mystiker beschäftigten sich mit der interessanten Roggentrespe, Lyssenko-Schüler entwickelten abenteuerliche Theorien.

Bromusillu

Mit dem Tiefpflügen und moderner Saatgutreinigung verschwand die Roggentrespe von 1870 bis 1900 weitgehend von unseren Äckern, um 1950 galt sie als bedrohte Art und wurde in Erhaltungskulturen aufgenommen. Nach der politischen Wende hielten auch bei uns pfluglose Bodenbearbeitungsmethoden Einzug. Der Boden wird nur noch oberflächlich angeritzt und nicht mehr umgeworfen. Bald nach der Grenzöffnung wanderte auch die Roggentrespe als "Alteigentümer" wieder in ihre Stammlande ein. Hinzu kam, dass das Wissen über Saatgutreinigung schwand. Um zweifelhalte Nachbaugebühren der Saatzucht-Konzerne zu vermeiden, entnehmen viele Landwirte ihre Saat unkontrolliert und ungereinigt aus dem eigenen Erntegut. Zwar werden heute viel mehr Herbizide, Insektizide, Fungizide usw. auf den Äckern ausgebracht, doch als einkeimblättrige Planze stört das die Roggentrespe nicht weiter. Bromus secalinus ist heute wieder flächendeckend in den "blühenden Landschaften" verbreitet, was nicht nur aus Gründen der Arterhaltung zu begrüßen ist. In möglichen Katastrophenzeiten steht wieder ein alter Nothelfer für unsere Ernährung zur Verfügung.

Freitag, 7. Januar 2011

Ablasshandel 2.0

Die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands hat mir ein "Gutscheinheft" zugeschickt, einzulösen bei ihrer Aktion "Klimawandel - Lebenswandel 2011". 24 Postkarten mit 24 Ideen zum häuslichen CO2-Sparen. Erfüllte Sparaufgaben können auf den Karten vermerkt werden und an die kirchliche Kampagnenstelle in Erfurt zurückgesandt werden. Dort gibt es am Erntedank-Tag 2011 "besonders klimafreundliche Preise" zu gewinnen.

klima

Wenn die Postkarte im Kasten klingt,
die CO2-Seele in den Himmel springt!


Schauen wir mal, welche Aufgaben ich erfüllen kann:

1. Kein Mineralwasser in PET-Flaschen kaufen - kann ich mir eh nicht mehr leisten. Ja schön, aber kein Einspar-Effekt.
2. Freitags kein Fleisch essen, eine Möglichkeit.
3. Nur noch Bio-Obst und -Gemüse kaufen? Viel zu teuer.
4. Keine Fertig-Mahlzeiten kaufen, im Ein-Personen-Haushalt zeitaufwendig und mit mehr Abfall verbunden.
5. Stromanbieter wechseln? Die Stadtwerke sind zwar teuer und finanzieren Lustreisen der Oberbürgermeisterin, aber ich glaube (!) immer noch an das versprochene Laufwasser-Kraftwerk an der Saale.
6. Standby-Geräte über abschaltbare Steckerleisten vom Netz trennen - längst geschehen, kein zusätzlicher Einspareffekt.
7. Als "Energiespar-Detektiv" zweimal täglich Streifengänge durch den ganzen Block unternehmen? Au ja!
8. Bei Arbeitspausen am PC den Monitor abschalten? Das macht das schlaue Ding schon selbst.
9. Den Kindern den Zweit-Fernseher wegnehmen? Ich habe weder das Eine noch das Andere.
10. Statt bei 60 Grad nur noch bei 30 Grad waschen? Um dann mit Flecken und Grauschleier dumm dazustehen? Eher nicht.
11. Keinen Wäschetrockner verwenden - besitze ich gar nicht, also auch kein Einspareffekt.
12. Weniger Rasenmähen, ja gerne, nur habe ich überhaupt keinen Rasen.
13. Hände nur noch mit kaltem Wasser waschen? Wie unangenehm und unhygienisch.
14. Energieberater ins Haus holen? Der würde sich totlachen über den unsanierten DDR-Plattenbau mit den unregelbaren Heizungen, ungedämmten Wänden, den undichten Fenstern und Türen.
15. In moderne Zentralheizungs-Pumpen investieren? Der Vermieter würde sich freuen.
16. Heizungstemperatur um 3 bis 5 Grad absenken? Geht nicht, die alten Blechkästen heizen immer "volle Pulle".
17. Mobil ohne Auto - schwierig und immer teurer, aber eine Möglichkeit.
18. Mehr Reifendruck aufs Auto, ja was denn nun?
19. Niedertourig im höchstmöglichen Gang fahren? Die Kirche scheint mit dem Autofahren Probleme zu haben, Bischöfin Käßmann sei's geklagt.
20. Ohne Torf aus dem Baumarkt gärtnern? Ich habe eh nur ein paar Topfpflanzen und die gieren jährlich nach Blumenerde.
21. Beim Einkauf Plastiktüten empört ablehen? Die brauche ich als Mülltüten.
22. Aluminium tötet den Regenwald! Darum setzte ich es auch nur sparsam ein, möchte aber auf die Alufolie von der Rolle nicht ganz verzichten.
23. Nur noch Recyclingpapier verwenden. Das bröckelt und staubt mir zu sehr.
24. Bürobedarf beim klimaneutralen Versender kaufen - zu teuer.

Um wirklich etwas für meine persönliche CO2-Bilanz zu tun, müsste ich mich wahrscheinlich mit unserem Vermieter anlegen, der städtischen Wohnungsgesellschaft. Kommunaler Klimaschutz ist in westdeutschen Städten ein großes Thema, im Osten scheint er noch nicht angekommen zu sein. Ob es da hilft, ein Stoßgebet auf einer Postkarte an die kirchliche Kampagnenstelle zu schicken?

Donnerstag, 4. November 2010

Ohne OGG und FLAC

Beim Discounter, wo es ALDI guten Sachen gibt, habe ich mir vorhin ein "Design Wireless LAN Internet-Radio" geholt. Versprochen wird der "Empfang von ca 13.000 Internet-Radiosendern", gemeint sind wohl Streams und Podcasts. Auf der Packung prangt ein Windows-7-Logo, aber der Anschluss ans WLAN klappt. Zum Einstieg gibt es erst einmal eine Software-Aktualisierung, eine Operation am offenen Herzen. Aber auch die ist in wenigen Minuten gelungen, der Einstellungs-Assistent funktioniert akzeptabel. Nur das Wetter wird für Merseburg angezeigt, Änderungsversuche werden kühl ignoriert. Das Stationsmenü ist etwas unübersichtlich, aber bald dudelt die kleine Kiste mit wenig berauschenden 2 x 7 Watt leicht blechern vor sich hin. Zugriff auf den PC mittels Windows-Mediaplayer klappt auch, ebenso das Abspielen vom USB-Speicherstick.

celtic1

Leider nimmt das Gerät nur MP3- und WMA-Dateien an, OGG-Vorbis und FLAC werden gar nicht erst angezeigt. Ein UKW-Radio mit RDS ist auch integriert, aber das werde ich meinerseits ignorieren: Keine Macht für "Rockenberg und Miriam"! Die Einstellung der Weckzeit setzt ein mittleres Technikstudium voraus, aber ich will ja Radio hören, vor allem die zahllosen Spartensender. Das fängt bei Keltenkitsch an, setzt sich mit finnischer Volksmusik fort und ist mit Japanpop noch längst nicht am Ende. Nicht umsonst bin ich mit dem berühmten Opernsänger Heinrich Schlusnus verwandt, den Nachbarn sei's getrommelt und gepfiffen. Favoriten lassen sich auf dem Internet-Radio nur in einer Online-Datenbank speichern. Dazu muss man sich anmelden und wird ausgefragt, ich "signiere ein" als Leo Spratzky, Kammersänger von Profession. Herr Kammersänger, dürfen wir hoffen? Ja, heute gibt es Keltenkitsch satt für den ganzen hellhörigen Plattenbau!
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