Freitag, 17. September 2010

Unsere Bürger

buerger

Erinnert stark an ein Brecht-Zitat: "Wäre es da nicht einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?"

(Titelseite der Mitteldeutschen Zeitung vom 11.09.2010)

Montag, 13. September 2010

Sachsen-Anhalt poetisch

Beim "Fest des Buches" auf der Ascherslebener Landes-Gartenschau hatte ich am Sonntag einen Stand, vertrieb eigene Werke und die eines Bekannten. Die Geschäfte gingen eher schleppend, die Besucher hatten gerade 17,- Euro Eintritt bezahlt und interessierten sich wohl auch mehr für Staudenpflanzen und Blumenzwiebeln. So blieb Zeit, sich selbst an den etwa dreißig Ständen umzuschauen und über die Anzahl und Vielfalt lokaler Veröffentlichungen zu staunen, die der Landstrich zwischen Harz und Havel immer noch hervorbringt: gute Kinderbücher, mäßige Prosa, durchwachsene Science Fiction, viel Lebenshilfe und Historie. Im Kollegenkreis dann die Frage nach der Sachsen-Anhaltinischen Identität, gibt es sie und wenn ja, wie wäre sie zu definieren? Wohl eher als ein "low profile": Durchzugsland mit guten Verkehrsverbindungen und netter Gastronomie. Durchreisende sehen kaum mehr als die Autobahnen und die Silhouette des Harzes, amüsieren sich vielleicht noch über den Schwachsinn auf "Radio Brocken" im Autoradio. Eine promovierte Historikerin machte als Urerlebnis der verhuschten lokalen Identität die Plünderung Magdeburgs durch Tilly und Pappenheim im Dreißigjährigen Krieg am 20.05.1631 aus. Ein Mangel an wohlverstandener Eigenstaatlichkeit, der bis zum heutigen Tage andauert. Die unmittelbare Not endete nach dem Siebenjährigen Krieg, bei Bildungsboom und Industrialisierung waren die Einwohner der nunmehr preußischen Provinz Sachsen wieder ganz vorne mit dabei.

Verkauf

"Nun sollten wir aber auch mal was verkaufen", meinte mein Standnachbar, der Lyriker M. Eine Besucherin erzählte, dass sie mal einen Gartenfreund namens M. gehabt hätte, mit dem sei er nicht zufällig verwandt? Nein? Dann kaufte sie auch nichts. Ein Besucher fand heraus, dass ich genau wie er in Wernigerode geboren bin. Aus Lokalpatriotismus kaufte er mein Erstlingswerk. Ein gebildeter Wessi wollte wissen, welches meiner Werke denn am ehesten "in der neuen Bundesrepublik angekommen" sei. Heikle Frage, am "bundesrepublikanischsten" sind wohl meine beiden Texte in dieser Anthologie der "Marktschlösschen-Gruppe" von 1995. Der Wessi kaufte die Anthologie. Die Insassen eines Pflegeheims rollten mit Hightech-Fahrzeugen durch die Reihen und nette junge Damen in gelben Gartenschau-Pullis führten anscheinend wichtige Leute des "Salzlandkeises" durch die Reihen. Die Verwaltungsspitzen sahen eher bäuerlich aus, aber die gelben Pullis waren wirklich hübsch. Mittags herrschte fast Gedränge, man (ich) musste sich (mich) nur kommunikativ zeigen, dann verkaufte man (ich) auch etwas. "Und das hier ist sozusagen der Kafka von Weißenfels", wies ich auf die Bücher meines Kollegen. Ein älterer Herr mit gepflegten Händen kaufte.

Zur Mittagsschläfchen-Zeit war wieder Gelegenheit für ein Schwätzchen, die Historikerin hatte noch ein zweites Schlüsselerlebnis des Landes ausgemacht, die Abwesenheit deutscher Eigenstaatlichkeit von 1945 bis 1949. "Für Nazizeit und deutsche Teilung gibt es ein kurioses Übermaß an ideologischen Interpretations-Angeboten. Für 1945 bis 1949 gibt es nur falsches Kollektivschuld-Gerede, das uns heute noch auf die Füße fällt. Was die Leute damals vor dem Verhungern bewahrt hat, das sind die wichtigen Strukturen!" Allgemeines Kopfnicken. "Vor der Hacke ist es duster!" sagte da ein Nordharzer Bergmann und erklärte den gerade erst abgerutschten "Concordia-See" gleich wieder zum Erholungsgebiet. Technologisches Können und Verwaltungswissen schrumpfen freilich auch hier. Um die Kaffeezeit erkundete ich das nördliche Ausstellungsgelände. Eine Disconter-Kette feierte "Marktfest", aber es waren nur große Anbieter und Promo-Trupps da. Die "Bollenkönigin" von Calbe lächelte huldvoll und der "Bollenkönig" verkaufte mir einen großen Beutel Zwiebeln für einen Euro. Vielleicht sollte man die "Bollenkönigin" zur Kurfürstin von Sachsen-Anhalt küren? Was die Leute vor dem Verhungern bewahrt ...

Dienstag, 24. August 2010

Bundesamtliches

Mit dem Sachsen-Anhalt-Ticket fahren wir nach Dessau zum Umweltbundesamt.

Innenhof

Mit unserer Gesprächspartnerin treffen wir uns der Einfachheit halber in der Bibliothek und sie schleppt auch gleich Literatur an. Ich komme mir wie der verrückte Erfinder in einem Sketch vor, der im Patentamt immer "Gibts schon!" gesagt bekommt. Nichts anmerken lassen, weiterlesen. Es gibt putzige Lesebalkone in den oberen Etagen der Bibliothekshalle. Praktischer ist, man bleibt unten und trägt das Nötige auf den großen Tischen zusammen:

Dessau

Zum Mittag bleibt im Speisesaal kaum ein Platz frei, es gibt geschnetzeltes Lamm mit Currysoße und Bio-Limonade. Das wäre es doch, ein Vollzeitjob hier oder wenigstens eine befristete Drittmittel-Stelle. Ich könnte mich auch mal ein wenig geschickter auf dem Arbeitsmarkt bewegen. Ja klar, das Umweltbaundesamt ist schon eine gute Adresse. Zu sagen hat es eher weniger. Wenn es darum geht, was auf den Tisch oder auf die Haut kommt, entscheidet das "Bundesamt für Risikobewertung" und das winkt jeden Schmutz durch.

Freitag, 23. Juli 2010

Armsal-Tours

Im Rahmen der Aktion Urlaub für 15,- Euro am Tag besuchen wir heute das Mitteldeutsche Druck- und Verlagshaus in Halle/S. Nach einer kleinen Einführung in die Geschichte und einer Sicherheitsbelehrung geht es los. Das fünfstöckige Redaktionsgebäude stammt aus den 60-er Jahren. Walter Ulbricht kam zur Einweihung, damals hieß das Blatt noch "Freiheit" und war SED-Bezirkszeitung. Heute arbeiten hier die Redaktionen der Mitteldeutschen Zeitung und von TV Halle, auch Du-Mont-Fernsehen genannt. Aber uns interessiert eher das Druckhaus.

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Das Papier hier ist ganz besonders geduldig. Wir schauen uns die Druckstraße an und bekommen eine kleine Einführung in den Offset-Druck. Ja, hier kann nur ein einziges Papierformat verarbeitet werden.

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Auf diesen Maschinen werden die Offset-Filme nach digitalen Vorlagen belichtet und entwickelt.

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Dann rollt die Druckstraße an, hier die gelbe Walze für den Wochenspiegel, eine der drei Werbezeitungen in der Region. Auch die beiden anderen Werbezeitungen und eine Stadtillustrierte gehören mittlerweile zum DuMont-Imperium.

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Die einzelnen Zeitungsteile landen in der Sortierhalle und werden automatisch zusammengeführt. Diverse zugelieferte Werbeblätter, Hochglanzheftchen und Aktionskarten müssen per Hand eingelegt werden.

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Leiharbeiter stapeln und verladen den "Wochenspiegel" schließlich. In der Sortierhalle ist noch ein Kabuff eingebaut, für den MZZ Briefdienst. Dort sortieren nachts in wenigen Stunden Billiglöhner Postsendungen, die die Zeitungszusteller morgens mit verteilen müssen. Auch ein Callcenter gibt es auf dem Gelände, wo den geneigten Telefonkunden hauptsächlich Zeitschriftenabos aufgeschwatzt werden. Überhaupt ist extreme Sparsamkeit angesagt, denn das Flaggschiff, die Mitteldeutsche Zeitung fährt jährlich ansehnliche Verluste ein. Kürzlich musste neben der Redaktion auch das Fernsehstudio von "TV Halle" in den schon besuchten Ulbricht-Bau umziehen und sendet nun von dort unter eher schlichten Bedingungen. Die DVBT-Ausstrahlung des Programms bezahlt ohnehin der GEZ-Zahler im Rahmen eines jahrelangen "Testbetriebs". So eine Armut! Und die armseligen Inhalte erst! Ein Kollege merkt an, dass das Wort "armselig" nichts mit Seele zu tun habe. Es komme von der mittelhochdeutschen Substantivierung Armsal, wie Schicksal, Trübsal, Labsal. Wieder was gelernt.

Dienstag, 13. Juli 2010

Sonne und Viren

"Mutti, Mutti, ich hab dir etwas mitgebracht!"
"Was denn, mein Kleiner?"
"Eine Viruskrankheit!"
Tatsächlich hat sich mein "Schleppi" ein Coputervirus eingefangen. Im Türkei-Urlaub gab es ein ungesichertes Netzwerk, in das ich mich leichtsinnigerweise einklickte. Kurz darauf schlug Antivir Alarm:

virus

Ich startete einen vollständigen Suchlauf, bei dem nichts gefunden wurde. Beim nächsten Hochfahren gab es seltsame Aktivitäten auf dem Rechner. Unser türkischer Herbergswirt warf einen Blick darauf und meinte: "Das sind die russischen Hacker, die hier Urlaub machen. Die bauen solche Fallen für Touris wie dich. BAT/Agent.140 - da hast du das Schärfste und Aktuellste, was es zur Zeit gibt, direkt vom Hersteller."
Die Leute im Avira-Forum fanden es auch krass: "BAT/Agent.140 ist ein Backdoor-Programm mit Rootkitfunktion und Passwortstehler. Durch diesen Backdoor ist dein System kompromittiert und nicht mehr vertrauenswürdig. Am sichersten wäre es, du sicherst deine Daten (keine ausführbaren Dateien wie exe, bat, com etc.), formatierst die Systempartition und setzt Windows neu auf. Bitte dann auf dem neuen System sämtliche Passwörter ändern und bei Onlinebanking umgehend deine Bank informieren."
Morgen früh muss ich gleich zur Sparkasse dackeln und dann kommt Ubuntu 10 auf die "Gurke".
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