Mittwoch, 7. Juli 2010

Reideburg-Tourist

In der Lokalzeitung gibt es eine Serie "Urlaub mit 15,- Euro pro Tag": DuMonts Recken erklären dem armen Hartzie, wie er auch mit wenig Geld "total entspannt" Ferien machen kann. Das wollen wir nun aber genau wissen, mit der Buslinie 27 fahren wir nach Reideburg und geben uns die "volle touristische Kante". Zuerst im Genscherhaus:

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Im Erdgeschoss wartet ein Europa-Quiz auf Kinder, im Obergeschoss gibt es Filmchen in Genschers Geburtszimmer und eine eher unsortierte Fotoausstellung zu sehen. Wenn der segelohrige Kriegstreiber einen Chef und ein vorgegebenes Ziel hat, funktioniert er auch erwartungssicher. Aber "wehe, wenn sie losgelassen ..."

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Unter dem Dach gibt es noch Kämmerchen für Madame Pieper, ein FDP-Bildungswerk und Gäste. Das Interessanteste ist jedoch die Umgebung der Kultstätte, wo gerade uralte Bauernhäuser abgerissen werden, um nichtssagende Reihenhäuser zu errichten.

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Unser Mittagessen sind Bockwürste vor einer Bäckerei-Filiale, dann geht es weiter zum "Kreativzentrum" eines Bildungswerks.

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Von hier aus werden so ziemlich alle städtischen Schnurrpfeifereien Halles bestückt: Sichtblenden für Händelfestspiel-Besucher, Kostüme für Laien-Schauspielereien, ein Hof mit Wasserspielen, sogar die Säckchen, in denen Siedesalz verkauft wird.

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Dann geht es weiter zum "Nutztiergarten und Pflanzenpark" zu Burenziege, Lama und Hochlandrind. Die Lehrstellen im Nutztiergarten sind begehrt, der Japanische Garten wird nicht mit der nötigen Strenge geharkt und das "Grüne Klassenzimmer" lädt zu einem Nickerchen ein. Das übriggebliebene Geld reicht gerade noch für einen Busfahrschein, denn im "Insektenhotel" mag man uns nicht übernachten lassen.

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Sonntag, 20. Juni 2010

Unabhängigkeitserklärung

Deutschlands dümmster Verleger hat ein neues Buch herausgebracht. So hatte ich es zumindest verstanden, denn Dr. F. sächselt stark. Gesagt hatte er, dass Deutschlands jüngster Verleger ein neues Buch herausgebracht hätte: "Rückerinnerungen - von Seume und Münchhausen". Der Museumsladen in Leipzigs Altem Rathaus hatte es auch schon, 200 Seiten, davon über die Hälfte zweifelhafte Schlaumeiereien von Deutschlands jüngstem Verleger und seinen Kumpels. Das ursprüngliche Bändchen umfasst 96 Seiten. Archive.org hat eine recht brauchbare PDF-Version davon, die man problemlos am Bildschirm lesen kann. Ich möchte es aber auf dem Ebook-Reader lesen und da sieht es wie Ameisenkot aus.

Man müsste es in ein Textdokument umwandeln ... 48 Bildchen von den Doppelseiten sind rasch "gecaptured". Good old Abbyy OCR lernt die Fraktur auch schnell als "Benutzermuster". Man muss ihm nur verbieten, die "integrierten Muster" zu verwenden. Das Resultat kommt in eine *.rtf-Datei, die Lesefehler sind zu korrigieren. Die Rechtschreibung wird noch behutsam modernisiert, bis auf die für den Reim notwendigen Wörter. Auch "teutsch" und "Teutschland" bleiben stehen, Münchhausen wollte es ausdrücklich so: "Viele unserer heutigen Schriftsteller schreiben Teutsch mit einem D. Das halt' ich aber für nicht so richtig als mit einem T., weil das Wort von Teut oder Teutonia abstammt." So ist es. Jetzt das Textdokument auf dem Desktop mit der Maus anpacken und beherzt in den Ordner "Digital Editions" des Readers ziehen - fertig. Teutschlands sparsamster Verleger hat ein neues Buch herausgebracht, hier ist es: rueckeri.rtf.

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Sonntag, 13. Juni 2010

Wildfang auf Streuobstwiese

Heute jährte sich zum 200. Male der Todestag Johann Gottfried Seumes. Zum Gedenken daran traf man sich in Teplice und ... in Rückmarsdorf. Eingeladen vom Heimatverein, gedachten etwa 30 Freunde und Verwandte der Seumes/Oehmes in der Grundschule dieses kleinen Leipziger Vororts des Großen Spaziergängers. Ein alter Latein-Lehrer hielt einen kenntnisreichen Vortrag und der Dorfchronist B. W. wußte von Berührungspunkten Seumes mit Rückmarsdorf zu berichten. Zum einen hatte der unzufriedene kleine Gottfried während eines Militärlagers im damaligen Rückmarsdorfer Ortsteil Schönau mit dem Grafen von Hohenthal seinen Schulwechsel nach Leipzig klargemacht. Zum anderen zog Seumes Schwester Johanna Regina Seume 1815 nach Rückmarsdorf. V. H. Schnorr v. Carolsfeld hatte gehört, dass es ihr schlecht ginge und eine Geldsammlung veranstaltet, bei der eine stattliche Summe zusammenkam. Von dem Geld wurde der Gasthof mit Bauerngut "An der Friedenseiche" gekauft, Johanna Regina Oehme (geb. Seume) und ihr Mann Christian Friedrich Oehme zogen ein und betrieben bald auch eine Fleischerei plus Krämerladen auf dem Grundstück.

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Durchaus erfolgreich, die Fleischerei Oehme war bis in die 1970er Jahre ein Begriff im westlichen Leipziger Land. Johanna Reginas Sohn Ferdinand sorgte für weiteren Nachwuchs, der sich heute wieder einmal traf und Geschichten austauschte. Über Johann Gottfried natürlich, der wohl bei den Dorflern hauptsächlich als das Kind in Erinnerung geblieben war, das beinahe im Bach hinter der elterlichen Streuobstwiese ersoffen wäre und dann auch noch unter besagten Bäumen fast von Ästen erschlagen wurde. Ein echter Wildfang also. Auch ein Bruder Seumes hatte bleibenden Eindruck hinterlassen, ein Schustergeselle, der (wie sein Bruder) von Werbern angeworben worden war, aber nicht aus dem Krieg zurückkam.

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Und Devotionalien hatte man mitgebracht: einen Knotenstock ohne Knoten, einen Lederrucksack ohne Dachsgesicht und einen schweren silbernen Löffel mit den eingravierten Initialen J. G. S. Damit sollte der wackere Seume in den durchwanderten Elendsgebieten seine Wassersuppe gelöffelt haben. Nunja. Doch es wurde dann noch recht lustig und es gab mediterrane Häppchen zu italienischem Wein. Dem Geehrten hätte es bestimmt gefallen und was kann man Besseres über solch eine Veranstaltung sagen?

Donnerstag, 27. Mai 2010

Freigeld unterwegs

Ein „antideutscher“ verbaler Schlägertrupp schmähte hier kürzlich den Schwundgeld-Pionier Silivio Gesell. Das bedeutet für den Diskurs zwar nichts weiter, erinnerte mich aber an meine erste Begegnung mit den fleißigen Geldreformern. 1994 war ich ehrenamtliches Redaktionsmitglied der Monatszeitschrift "Rundes Blatt", die besonders Bürgerbewegte, Alternative und Grüne in Sachsen-Anhalt erreichen wollte. In Magdeburg stand die erste rot-grüne Minderheitsregierung vor der Tür, westdeutsche Realos missionierten heftig dafür, ließen in Parteibüros und Vereinsvorständen „nichts anbrennen“. Und noch eine Propagandawelle schwappte über den deindustrialisierten Landstrich. Eine kleine, aber gut organisierte Gruppe von "Gesellianern" rollte Mitgliederversammlungen auf, schwatzte Biobauern, Gastwirten und PC-Dienstleistern ihr „Holzgeld“ auf. Uns in der Redaktion nervten beide „Missionsbewegungen“. Doch während Kritik am Regierungswillen der „Chlorchemie-Realos“ zuverlässig von der eigenen „Schere im Kopf“ eliminiert wurde, fand die Auseinandersetzung mit den „Gesellianern“ durchaus statt, sogar relativ gut sortiert.

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Im „Runden Blatt“ 3/94 erschien der Artikel „Patentrezepte: Eine Illusion?“ von M. R., der trotz des argumentativ klingenden Titels die pure „Freigeld“-Propaganda über mehrere Seiten auswalzte. Im nächsten Heft 4/94 dann die Entgegnung unter meinem Namen: „Patent oder Fehlkonstruktion?“. Unsere Kritik beschränkte sich auf einen zentralen Punkt, die hohe Umlaufgeschwindigkeit des „Schwundgelds“. Zahlungsempfänger seien durch den "Schwund“ des Geldes gezwungen, es rasch wieder auszugeben und dadurch die Wirtschaft anzukurbeln. (Die Selbstentwertung wird z. B. dadurch erreicht, dass die Geldbesitzer gezwungen werden, immer wieder Wertmarken zu kaufen und auf die Rückseiten der Geldscheine zu kleben.) Die Folge sollte ein "immerwährendes Weihnachtsgeschäft" sein, wie Gesell es selbst formulierte. Eine Dauerkonjunktur mit entsprechendem Ressourcenverbrauch würde die Arbeitslosigkeit abbauen und Kapitalanhäufungen unattraktiv machen. Der Zins tendiere dann gegen Null. Das Geld sei nur noch Tauschmittel, keine Wertkonserve mehr. Um eine Flucht in Sachwerte und Grundbesitz zu vermeiden, proklamiert Gesell das "Freiland", eigentlich eine Bodenverstaatlichung bzw. Kommunalisierung mit Nutzungsrechtevergabe, z. B. in Erbpacht.

Doch Menschen brauchen Wertkonserven, zur Altersvorsorge, um für Notfälle vorzusorgen oder einfach, um unnötige wirtschaftliche Aktivitäten zu vermeiden. Die Gesellschen Wirtschaftssubjekte müssen ihre Ware-Geld-Kreisläufe andauernd aufrechterhalten und ausweiten, um ihre Existenzgrundlage nicht zu verlieren - im Grunde keine Alternative zu heutigen Schuldenorgien und Sparexzessen. In Heft 5/94 des "Runden Blattes" kamen noch einmal die Gesellianer zu Wort, dann nie wieder. Bei den Grünen wurden Freigeld-Sympathisanten gemobbt und zum Austritt getrieben. Die olivgrünen Realos betonierten das „Magdeburger Modell“ in die fruchtbare Bördelandschaft und das „Runde Blatt“ wurde zur stromlinienförmigen Parteizeitung, später ganz plattgemacht. Ich wollte weiter mit den Gesellfans argumentieren und war gegen die schweigende Ausgrenzung. Doch den neuen Artikel bekam ich kommentarlos zurück, das Tischtuch war zerschnitten, grüne Minister und Staatssekretäre wollten ungestört „durchregieren“. Der „Urstromtaler“ etablierte sich auch ohne die „kleinen Joschkas“ an Elbe, Saale und Unstrut. Wernigerode und Halle-Dölau messen sich mit Wörgl und Schanenkirchen. Neunzig Jahre folgt nun schon Versuch um Versuch, alternative Geldkreisläufe zu etablieren - das kann doch kein Zufall sein? Die multiple Finanz- und Wirtschaftskrise begünstigt zur Zeit wieder einmal die Tauschringe und Lokalwährungen. Voriges Jahr erst habe ich im Harzkreis frische Erdbeertorte aus freien einheimischen Früchten für „Urstromtaler“ kaufen können und es hat einmalig geschmeckt.

Samstag, 15. Mai 2010

Werbeschlacht um endokrine Disruptoren

Nachdem eine Studie der Universität Frankfurt/M. Hinweise auf hormonähnliche Substanzen lieferte, die aus PET-Kunststoffflaschen in Lebensmittel übergehen, bieten vorsichtige Bildagenturen längst "Familienfotos" mit unbedenklichen Getränkeverpackungen an.

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Doch das "Bundesamt für Risikobewertung" wiegelt in unverantwortlicher Weise ab und die Getränkeindustrie propagiert ihre PET-Flaschen großflächig auf Plakatwänden und in Zeitschriften-Anzeigen.

frankenbr

Der Gesundheitsschutz in diesem unserem Lande liegt mehr denn je im Argen.
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